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Schloss Hluboká: das tschechische Windsor in Südböhmen

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Mitten im Herzen Südböhmens (Jižní Čechy), auf einem Felsvorsprung über der Moldau (Vltava), steht ein schneeweißes neugotisches Schloss, das Einheimische wie Reiseführer einhellig für das schönste des Landes halten – Schloss Hluboká nad Vltavou (deutsch Frauenberg). Seine Silhouette aus zinnenbewehrten Türmchen, Erkern und Spitzbogenfenstern ähnelt der Residenz der englischen Monarchen so sehr, dass es dauerhaft den Spitznamen „das tschechische Windsor“ trägt. Die Ähnlichkeit ist kein Zufall, sondern das bewusste architektonische Statement einer ganzen Adelsfamilie.

Die Geschichte des Ortes begann weit bescheidener, als sein heutiges Märchenaussehen vermuten lässt. Die Burg Hluboká wurde Mitte des 13. Jahrhunderts gegründet, wahrscheinlich von König Wenzel I., als Teil eines Netzes königlicher Burgen, das sich vor allem gegen das mächtige Geschlecht der Witigonen (Vítkovci) richtete. Die Burg wechselte viele Male Besitzer und Gestalt: 1561 erwarben die einflussreichen Herren von Neuhaus (páni z Hradce) die Herrschaft, und binnen zwei Jahren bauten die neuen Eigentümer die gotische Burg zu einer Renaissanceresidenz um. Später, nach der Konfiskation des Besitzes der protestantischen Familie Malovec, ging die Herrschaft an den spanischen General Don Baltasar de Marradas, und 1661 kaufte Johann Adolf I. von Schwarzenberg Hluboká von dessen Neffen – damit begann eine fast dreihundertjährige Epoche, in der das Schloss einer der reichsten Adelsfamilien Mitteleuropas gehörte.

Sein heutiges Aussehen verdankt das Schloss den Schwarzenbergs – genauer gesagt einem Fürstenpaar des 19. Jahrhunderts. Als Eleonore zu Schwarzenberg in den 1830er-Jahren Windsor Castle besuchte, kehrte sie begeistert nach Hause zurück und gab den Anstoß, den Renaissance-Landsitz in eines der extravagantesten Beispiele der Burgenromantik des 19. Jahrhunderts zu verwandeln. Der Umbau begann 1841, als Johann Adolf II. zu Schwarzenberg und seine Frau Eleonore eine radikale Umgestaltung im Stil der Tudorgotik in Auftrag gaben, direkt nach dem Vorbild von Windsor Castle; das Projekt dauerte mehr als 30 Jahre und umfasste die heutige Fassade mit ihren vielen Türmen, die Prunkräume und den Landschaftspark. Gemessen an den Investitionen war das Ergebnis eines der teuersten privaten Bauprojekte im Böhmen des 19. Jahrhunderts. Heute hat das Schloss 11 Türme (der Hauptturm ist 60 Meter hoch) und 140 prunkvoll eingerichtete Räume, umgeben von einem englischen Landschaftspark.

Im Inneren belohnt das Schloss einen ausgiebigen Besuch: Seine Interieurs gelten als einige der prächtigsten in Tschechien. Geschnitzte Holzdecken, Tausende Fliesen im Stil der Delfter Fayence, flämische und niederländische Wandteppiche und eine Waffenkammer mit Hunderten historischer Klingen machen die Prunkräume zu einem echten Zeugnis des aristokratischen Geschmacks im 19. Jahrhundert. Ein besonderes Highlight der Sammlung ist die berühmte Serie Brüsseler Tapisserien von Baudouin van Beveren aus der Mitte des 17. Jahrhunderts mit Szenen aus Volkssprichwörtern, und in der Schlosskapelle steht der sogenannte Netolice-Altar aus dem 15. Jahrhundert. Bücherfreunde werden die Schlossbibliothek zu schätzen wissen – eine umfangreiche und wertvolle Sammlung von 12.000 Bänden unter einer schönen Kassettendecke. Neben den Prunkräumen können Sie auch die echte Schlossküche besichtigen, die sich über die gesamte Länge des Untergeschosses erstreckt.

Die Atmosphäre in Hluboká ist eine Mischung aus herrschaftlicher Gelassenheit und sanfter Theatralik: Die weißen Türmchen spiegeln sich eindrucksvoll im Grün des Parks, drinnen gibt es schweren Samt, Kristalllüster und Porträts der letzten Besitzer, Fürst Johann Adolf II. und Fürstin Eleonore. Das Schicksal der Familie endete jedoch dramatisch: Die Schwarzenbergs besaßen Hluboká bis zum Zweiten Weltkrieg; 1947 ging das Schloss durch ein eigenes Gesetz, die sogenannte Lex Schwarzenberg, an den Staat über, und 1950 wurde es als Museum eröffnet. Erinnern sollte man auch an die antinazistische Haltung des letzten Besitzers – Adolph Schwarzenberg war ein überzeugter Gegner des Nationalsozialismus und machte schon vor Kriegsbeginn keinen Hehl daraus. Das macht die Geschichte des Schlosses nicht nur zu einer architektonischen, sondern zu einer zutiefst menschlichen.

Ein Insidertipp für Ihre Planung: Beschränken Sie sich nicht auf die Prunkräume. In der ehemaligen Reithalle auf dem Gelände befindet sich heute eine Kunstgalerie, und ein Spaziergang durch den weitläufigen Park – mit seinem Turm im gotischen Stil und Blick über die Moldau – füllt leicht eine angenehme Stunde für sich. Kommen Sie am besten an einem Werktag, direkt zur Öffnung: Die Morgenstunden sind wegen des geringeren Andrangs ideal, und Werktage sind generell die beste Besuchszeit.

Adresse: Zámek 142, 373 41 Hluboká nad Vltavou
Öffnungszeiten: Hauptsaison – April bis Oktober, täglich, etwa 9:00 bis 17:00 Uhr (im Winter sind einige Rundgänge geschlossen, es gibt aber einen beheizten Winterrundgang)
Preise: Das Basisticket (Rundgang I) kostet etwa 200 CZK für Erwachsene und 140 CZK für Kinder; der zweite Rundgang etwa 150/110 CZK

Hluboká lohnt sich für alle, die ein postkartenschönes, fast an Disney erinnerndes Tschechien suchen, ohne den Trubel der großen Touristenzentren: für Liebhaber von Architektur und englischer Romantik, für Familien mit Kindern (der Schlosspark und der Zoo Ohrada liegen gleich nebenan) und für alle, die Richtung Süden nach Krumau (Český Krumlov) fahren und unterwegs sehen möchten, wie der tschechische Adel des 19. Jahrhunderts die Ästhetik der britischen Monarchie am Ufer der Moldau neu erfand.

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