Ratgeber

Sudetenland: Geschichte, Münchner Abkommen und Vertreibung

Aktualisiert: · Autor:

Beliebt

Das Sudetenland (tschechisch Sudety) ist das frühere deutschsprachige Grenzgebiet Böhmens, Mährens und Tschechisch-Schlesiens. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in der Tschechoslowakei rund drei Millionen Deutsche, fast ein Viertel der Bevölkerung, die meisten davon in den Grenzregionen. Das Münchner Abkommen von 1938 sprach das Gebiet dem nationalsozialistischen Deutschland zu, 1945–1946 wurden fast alle Deutschen vertrieben. Heute gehört es zu Tschechien: Riesengebirge, Isergebirge, Böhmerwald, Liberec, Cheb und Ústí nad Labem. Around Prague hat die Daten und Zahlen am 30. Oktober 2026 anhand der Deutsch-tschechischen Erklärung von 1997, der Dekrettexte, Radio Prag International und des Militärhistorischen Instituts Prag geprüft.

Wo liegt das Sudetenland, und woher kommt der Name?

Die Sudeten sind zunächst ein Gebirge, rund 310 km lang, an der Nordgrenze Tschechiens: Isergebirge, Riesengebirge mit der Schneekoppe (Sněžka), Adlergebirge und Altvatergebirge (Jeseníky). Den Begriff „Sudetendeutsche“ prägte 1902 der Publizist Franz Jesser. Als „Sudetenland“ bezeichnete er alle damals deutsch besiedelten Gebiete Böhmens und Mährens-Schlesiens, auch weit von den Bergen entfernte wie den Böhmerwald. Nach 1918 wurde das Wort politisch, und wegen der NS-Propaganda klingen die tschechischen Wörter Sudety und sudetský bis heute negativ.

Zeittafel

WannWas geschah
1902Franz Jesser prägt den Begriff „Sudetendeutsche“
1918Gründung der Tschechoslowakei; 22,3 % der Einwohner sprechen Deutsch
1. Oktober 1933Konrad Henlein gründet in Eger (Cheb) seine Bewegung, ab 1935 Sudetendeutsche Partei
Mai 1935Henleins Partei gewinnt 44 Mandate und wird zweitstärkste Partei
30. September 1938Unterzeichnung des Münchner Abkommens
15. März 1939Besetzung der übrigen böhmischen Länder, Protektorat
1945„Wilde“ Vertreibungen
1946Organisierte Aussiedlung in die amerikanische und sowjetische Zone
21. Januar 1997Deutsch-tschechische Erklärung
Mai 2026Zukunftsfonds bis 2037 verlängert; Sudetendeutscher Tag erstmals in Tschechien

Von der Tschechoslowakei bis München

Im Grenzgebiet lagen die wichtigsten Verteidigungsanlagen der Tschechoslowakei gegen Deutschland. In den 1930er-Jahren wurde Henleins Partei die stärkste deutsche Partei, und das NS-Regime drängte auf den Anschluss des Gebiets ans Reich. Hitler, Mussolini, Chamberlain und Daladier unterzeichneten das Münchner Abkommen kurz nach Mitternacht am 30. September 1938; die Tschechoslowakei war nicht eingeladen. Deutsche Truppen besetzten das Gebiet vom 1. bis 10. Oktober. Zusammen mit den Gebieten, die Polen und Ungarn im Herbst erhielten, verlor das Land 29,6 % seiner Fläche (41.596 km²) und 4.879.000 Einwohner. Tschechen, Juden, deutsche Sozialdemokraten und Antifaschisten flohen ins Landesinnere: Am 1. März 1939 zählte man fast 150.000 Flüchtlinge. Henlein wurde Gauleiter des Reichsgaus Sudetenland, und am 15. März 1939 besetzte Deutschland auch den Rest Böhmens und Mährens.

Vertreibung oder Abschub? 1945–1947

Zuerst kamen 1945 die sogenannten wilden Vertreibungen: Der Historiker Jan Křen schätzte, dass dabei 700.000 bis 800.000 Deutsche vertrieben wurden. In Potsdam stimmten die Alliierten der Überführung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zu und verlangten ein ordnungsgemäßes und humanes Vorgehen. 1946 kamen rund 1,3 Millionen Menschen in die amerikanische und etwa 800.000 in die sowjetische Zone. Insgesamt reichen die Schätzungen von 2,8 bis etwa 3 Millionen; rund 250.000 Deutsche blieben. Die Opferzahlen sind umstritten, Radio Prag nennt 25.000 bis 30.000. Schon die Begriffe gehen auseinander:

Die Beneš-Dekrete

Präsident Edvard Beneš erließ 1940–1945 insgesamt 143 Dekrete, zuerst im Londoner Exil, dann nach der Befreiung. Einige wurden zur Rechtsgrundlage, um Deutschen Eigentum und Staatsbürgerschaft zu nehmen:

Formal wurden die Dekrete nie aufgehoben. Als Österreich und Vertriebenenverbände 2002 ihre Aufhebung forderten, nannten führende tschechische Politiker das unrealistisch, und vor dem EU-Beitritt Tschechiens befasste sich auch das Europäische Parlament damit.

Die Erklärung von 1997 und der Zukunftsfonds

Am 21. Januar 1997 unterzeichneten Helmut Kohl, Klaus Kinkel, Václav Klaus und Josef Zieleniec in Prag die Deutsch-tschechische Erklärung. Deutschland bekannte sich zu seiner Verantwortung für die Entwicklung, die zum Münchner Abkommen, zur Vertreibung aus dem Grenzgebiet und zur Besetzung der Tschechoslowakei führte, und bedauerte die NS-Verbrechen am tschechischen Volk. Die tschechische Seite bedauerte das Leid, das Vertreibung, zwangsweise Aussiedlung, Enteignung und Ausbürgerung Unschuldigen zufügten, auch wegen der kollektiven Schuldzuweisung, sowie die Exzesse, die das Gesetz Nr. 115 vom 8. Mai 1946 straflos ließ. Beide Seiten vereinbarten, ihre Beziehungen nicht mit Fragen der Vergangenheit zu belasten; jede behält dabei ihre Rechtsauffassung.

Die Erklärung schuf den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, gegründet am 29. Dezember 1997. Seit 1998 hat er 88,7 Millionen Euro (2,43 Milliarden Kronen) für gemeinsame Projekte vergeben, allein 2025 für 776 Projekte. Am 8. Mai 2026 vereinbarten die Außenminister, den Fonds bis 2037 fortzuführen.

Das Sudetenland heute und Reiseziele

Nach dem Krieg zogen Neusiedler zu: Im Mai 1947 stellten sie fast zwei Drittel der 2,2 Millionen Einwohner. Viele Dörfer verödeten, im Böhmerwald wurden in der Grenzzone der 1950er-Jahre etwa Bučina, Knížecí Pláně und Stodůlky abgerissen. Geografen der Karls-Universität sprechen von einer „Phantomgrenze“: Im früheren Sudetenland sind Bildungsniveau und Vorsorgequote im Schnitt bis heute niedriger. 2005 wurde auf der Elbbrücke in Ústí nad Labem (Aussig) eine Gedenktafel für die Opfer der Gewalt vom 31. Juli 1945 enthüllt. Im Mai 2026 fand der Sudetendeutsche Tag erstmals in Tschechien statt, in Brünn – begleitet von Protesten und einer ablehnenden Mehrheit im Abgeordnetenhaus.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist das Sudetenland?

Die Grenzgebiete Böhmens, Mährens und Tschechisch-Schlesiens, in denen bis 1945 überwiegend Deutsche lebten, benannt nach dem Gebirge Sudeten.

Wo liegt das Sudetenland heute?

In Tschechien, entlang der Grenzen zu Deutschland, Polen und Österreich, vom Riesengebirge bis Cheb und zum Böhmerwald.

Warum bekam Deutschland 1938 das Sudetenland?

Das NS-Regime forderte die Gebiete mit deutscher Mehrheit, und Großbritannien, Frankreich und Italien stimmten in München zu, ohne die Tschechoslowakei.

Wie viele Sudetendeutsche wurden vertrieben?

Die Schätzungen reichen von 2,8 bis etwa 3 Millionen Menschen 1945–1946. Rund 250.000 blieben.

Was sind die Beneš-Dekrete?

143 Dekrete von Präsident Beneš aus den Jahren 1940–1945. Einige nahmen Deutschen und Ungarn Staatsbürgerschaft und Eigentum. Formal wurden sie nie aufgehoben.

Gehört das Sudetenland zu Deutschland?

Nein. Die Tschechoslowakei wurde nach 1945 in den Vorkriegsgrenzen wiederhergestellt, seit 1993 gehört das Gebiet zu Tschechien.

Quellen: Deutsch-tschechische Erklärung 1997, Text des Münchner Abkommens, Militärhistorisches Institut, Holocaust Encyclopedia, Dekrete 12/1945, 33/1945, 108/1945, Radio Prag International: Vertreibung, Neubesiedlung, Flüchtlinge 1938, Universität Passau zu den Begriffen, Zukunftsfonds, ČTK, ČT24, ZDFheute. Stand: 30. Oktober 2026.

Siehe auch: Nationalparks in Tschechien, Pančava-Wasserfall im Riesengebirge, Tagesausflüge ab Prag, Die 8 schönsten Städte in Tschechien.

Foto: Schneekoppe (Sněžka) im Riesengebirge. Pudelek, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Kommentare (0)

Bitte bleiben Sie höflich. Spam und Beleidigungen werden gelöscht.